Race Across America & Michael Nehls
Paradefahrt nach Annapolis
FREIBURG/ANNAPOLIS. Der Freiburger Ausdauersportler Michael Nehls hat zum zweiten Mal in seinem Leben das Race Across America beendet. Das 4830 Kilometer lange Einzelzeitfahren gilt als härtestes Radrennen der Welt und führt die Teilnehmer über 4830 Kilometer und 30.000 Höhenmeter von der Pazifik- an die Atlantikküste - durch Wüste, Hochgebirge und die unendlichen Weiten des Mittleren Westens. Der 47-jährige Nehls benötigte für die Strecke Elf Tage, eine Stunde und 37 Minuten - zwei Tage mehr als Rekordsieger Jure Robic, der das Rennen zum fünften Mal für sich entscheiden konnte. "Ich wollte mich nicht quälen", sagt Nehls, "ich wollte mit einem Lächeln über die Ziellinie fahren."
Das Race Across America (RAAM) ist ein Mythos. Der lebt vor allem von der Härte des Rennens. Etappen gibt es keine, die Uhr tickt permanent. Wer schläft, verliert Zeit. Viel Zeit. Vielleicht schlafen die meisten Teilnehmer deshalb nur zwei Stunden am Tag. Fazit: Übermüdung, körperliche Erschöpfung, Sekundenschlaf. Nehls entschied sich für eine andere Strategie: Er wollte nicht fahren, bis ihm die Augen zufallen, sondern regelmäßig Pausen einlegen, um immer wieder zu regenerieren - auch nach einzelnen selbstgesteckten Streckenabschnitten von bis zu 870 Kilometern. Die Strategie ging auf, Nehls setzte sich mit zunehmender Renndauer immer ausgeruhter aufs Rad und fuhr dadurch schneller als die Konkurrenz. Der größte Vorteil, zügiger als die Mitstreiter fahren zu können, wurde jedoch zum Nachteil auf Grund der ungünstigen Winde, die ihn im Mittleren Westen besonders hart trafen: Bei 20 Kilometern pro Stunden ist starker Gegenwind harmloser als bei 32 Kilometern pro Stunde. Immerhin war er gut geschützt: Nehls vertraute auf Gore Bike Wear - weshalb er im Regen nicht frieren und in der Wüste nicht mehr als nötig schwitzen musste.
Bis zum dritten Tag war alles noch perfekt gelaufen. Nehls kam ohne große Schwierigkeiten durch die Mojave-Wüste und die Rocky Mountains. Aber dann, auf dem Weg nach Kansas, blies ihm der Wind mit voller Kraft ins Gesicht - für Radfahrer ist das Gift. Nehls war nicht der einzige mit diesem Problem: Die Hälfte aller Teilnehmer gab auf. Und selbst der Rekordsieger, Jure Robic aus Slowenien, musste seinen angekündigten Plan aufgeben, das Rennen als erster Rennfahrer aller Zeiten unter acht Tagen zu beenden - er brauchte neun Tage, eine Stunde und eine Minute. Selbst der spanischer Langstreckenweltmeister Julian Sanz Garcia, der wie Nehls unter zehn Tagen das Ziel erreichen wollte und mit traditioneller Strategie unterwegs war, kam wie schon 2008 einige Stunden nach Nehls ins Ziel. Die beiden lieferten sich einen spannenden Wettkampf unterschiedlicher Rennphilosophien, den Nehls für sich entscheiden konnte.
Für Nehls war es nicht das erste Race Across America: Im Jahr 2008 war er schon einmal dabei, damals belegte er den siebten Platz und benötigte zehn Tage, 22 Stunden und 56 Minuten. In diesem Jahr wurde er Achter, in der Klasse der Einzelfahrer kamen nur zehn Fahrer an - ungewöhnlich wenig. "Mein zweites RAAM war härter als das Erste", sagt Nehls. "Es kommt auch ganz oft vor, dass viele Fahrer beim zweiten Mal aufgeben. Heute weiß ich weshalb. Es ist leichter, sich die Zukunft nur vorzustellen und nicht schon zu kennen. Zudem ändert sich die Motivation, auch das spielt eine, vielleicht die entscheidenste Rolle."
Nehls blieb seiner Strategie treu, schlief pro Nacht vier bis fünf Stunden. Mindestens. Und trotz aller Anstrengungen kam er tatsächlich mit einem Lächeln ins Ziel. Auf den letzten Kilometern wurde er von seiner 15-jährigen Tochter Nadja auf dem Ersatzrad begleitet. Keine leere Geste: Die Familie des habilitierten Molekulargenetikers war die ganze Zeit über dabei gewesen: Ehefrau Sabine kümmerte sich um die Organisation und seine Versorgung. Die älteste Tochter Sarah macht gerade eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und betreute ihren Vater während der Rennpausen, während sein Sohn Sebastian und die jüngste Tochter Nadja sich als Teil des Media-Teams Fotos und Filmmaterial für einen geplanten Dokumentarfilm über das Rennen sammelten. "Es war fantastisch, mit meiner Tochter Nadja zusammen ins Ziel zu fahren", sagt Nehls und lächelt. "Vielleicht bin ich die 4830 Kilometer nur deshalb gefahren."